Leserbrief zum Thema des Monats Oktober

Von Oliver Mühleisen (Gerlingen).

Hallo Matthias

Marketing und Promotion für die zur Zeit modernste Konsole der Welt ? Schon vor dem Erscheinen des N64 hat man auf der Seite von Nintendo wenig an Eigenleistung getan. Keine großartigen Werbespots in den einschlägigen Fernsehsendern, keine Werbung in den Kinos, keine Promotion von Sportvereinen etc. Die Werbung wurde von den Medien gemacht, welche sich im Vorfeld schon über die geniale Leistung dieser "neuen" Konsole aus Japan begeisterten. Sicher, es war natürlich billig. In Verbindung mit dem ersten Spiel SUPER MARIO 64 war das Bundle natürlich perfekt. Bis dato nie gekannte 3-D-Räumlichkeiten und Moves waren denkbar und auch darstellbar. Tolle Grafik und guter Sound - die Öffentlichkeit war fasziniert ! Der Spieler ebenso - und dennoch mußte er warten und sich mit dem Vorführgerät (per Vorhängeschloß gesichert) begnügen.
Vorverträge und Bestellungen wurden dann ausgegeben. Knapp 400 DM mußte man im Voraus bezahlen bzw. 64 DM Anzahlung beibringen, um dann endlich das begehrte Stück zu erhalten.

Dann wurde es extrem ruhig. Nur noch ganz wenig Werbung. Vielleicht ein Faltblatt mit bunten Bildern. Previews mußten sich mit ein paar wenigen Bildern vom Rechner begnügen. Kurz vor Weihnachten dann etwas TUROK oder SOTE in der Werbepause bei RTL2 oder SUPE-RTL. Ganz vereinzelt mal im ZDF ! Doch nicht lange. Bis denn Lylat Wars und das Rütteln kam ! Eigene Homepage, Werbung für Lylat und andere N64 Spiele. Doch kurze Zeit später - Ruhe !

Heute beläuft sich der Stückpreis auf 199 DM (Media Markt Stuttgart) und die Presse berichtet eher über das zu erwartende Dreamcast bzw. über SONY PLAYSTATION. Ich habe das N64 gern und benutze es oft, doch im Bereich des Marketing muß (!) Nintendo zulegen. Sicher gab es anfänglich Probleme zwischen der Zuständigkeit von BigN of Europe bzw. Japan. Die sind aber beigelegt. Doch geändert hat sich nichts. Zuerst waren es die - scheinbar - nicht so wichtigen PAL-Länder, welchen man nicht die Aufmerksamkeit zukommen lassen wollte. Dann kam man mit dem Hinweis, daß es z.B. Deutschland ganz gut gehe. Denn wenn man jetzt zu einem SECAM (Frankreich z.B.) Land gehören würde, hätte man bis zum heutigen Tag kaum Software. Derweil übernimmt SMUDO von den Fanta4 die Synchronisation des Oberbösewichtes bei TOMB RAIDER II, COLONY WARS kämpft um das Universum im Kino, das Analogpad von SONY gilt als Vibrator für den Mann ! Natürlich ist die Software ein eigenes Thema, und in Wahrheit hat man auch bei der PS nicht so viel mehr Auswahl an richtig guten Titeln. Das Prinzip Qualität statt Quantität ist sicher richtig. Doch die Zeiten sind kurzlebiger geworden. SUPER MARIO 64 ist sicher ein tolles Spiel. Doch die Spieler wollen mehr - und das jetzt oder sehr bald.

Das 4 MB RAM muß gleichzeitig mit TUROK 2 auf den Markt ! Das Spiel muß auch im Fernsehen und im Kino beworben werden. Auch die Spieler, die beim Erscheinen des N64 gerade mal 16 Jahre alt waren, fahren heute Auto und schielen auf die PS. Nintendo hat das Kapital, um auch in Europa und den USA mehr zu werben und die unbestrittenen Vorzüge des N64 auch klar darzustellen. Es benötigt eben eine andere Promotion, wenn ich den Game Boy vermarktet werden möchte, als wenn man ein N64 an den "Mann" bringen will. Die Zielgruppe ist nur zum Teil identisch.

Ansätze sind da. Bald kann man sein Spiel vom Game Boy auf dem N64 laden und dort zu Ende spielen. Gut ! Doch was für ein Spiel kommt als erstes zum Einsatz ? Ein Monsterzüchtkämpfundbeißmich-Spiel in Regenbogenfarben !!! Sauber, aber leider der falsche Ansatz - wenigstens in Europa.
Nintendo steht vor einer neuen Herausforderung. SONY hat man bereits mit ihrer relativ alten Konsole vorbeiziehen lassen. Scheinbar steht man da drüber. Einzig eine Preissenkung auf 250 DM hat man als "Kampfansage" verstanden ... . Das ist leider zu wenig. Fast ist sogar zu befürchten, daß man nun meint, mit ZELDA würde alles besser werden. Sicher, PERFECT DARK und TUROK2 stehen schon bereit. Doch reicht dies aus ? Wenn die Werbung so läuft, wie bisher, dann ist dies schon das zweite Weihnachten, wo man wartet, daß etwas passiert. In Wahrheit reden sich die Vorstände die Köpfe heiß, ob das Modul von ZELDA nun in Goldauflage oder ganz simpel in grau erscheinen soll - ist eben Chefsache. Ich möchte keinen dieser Leute beleidigen. Sie arbeiten hart und diszipliniert, dennoch ist es die falsche Richtung. Es sollten Spiele produziert werden, deren Entwicklung wesentlich schneller voran geht. So hat nämlich die japanische Automobilbranche der restlichen Welt das Fürchten gelehrt. Diese mußte jahrelang hart arbeiten, um diese Entwicklungszeiten zu erreichen. Wo bleibt die Lightgun und das passende Spiel bzw. Spiele dazu ? Das 64DD ist wohl für den Westen gestorben. In Japan wird es nur noch erscheinen, damit der Entwicklungschef bzw. Firmenchef nicht sein Gesicht verliert - was gerade in Japan sehr schlimm wäre.

Also heißt es doch, sich nicht auszuruhen. Bringt ein DVD-Laufwerk oder ein Zusatmodul, was zwei Cartridges aufnehmen kann. Theoretisch ist auch ein 8 MB RAM denkbar (sogar mehr ist möglich). Manche wären auch für ein Modem nicht unaufgeschlossen.

Die Kombination aus Werbung im TV (die richtigen Sender aber und zur richtigen Zeit !) und Anzeigen in den einschlägigen Print- u. Onlinemedien wäre ein Garant für Erfolg.

Ich bin mir sicher, daß die Chefetage von Nintendo dies auch weiß. Dennoch wird nichts oder kaum was getan. Warum ? Nun, es drängt sich die Antwort auf, daß Nintendo bereits an der Nachfolge des N64 arbeitet. Nur so ist es zu erklären, daß man in das N64 und dessen Vermarktung wenig Geld investiert.

Ob allerdings die Spieler das Spiel mit ihrem Geld mitmachen werden ? Wird jemand, der sein Geld für CD´s und Hardware für eine PS, PS II oder Dreamcast ausgibt auch noch Geld für ein N128 ausgeben ? Man sollte die Zeit nützen. Es gibt gute (wenn leider auch wenige) und sogar sehr gute (noch weniger) Spiele für das N64. Die Hardware ist prinzipiell stimmig. Also, woran hängts denn ?

Die Drittanbieter brauchen endlich massive Unterstützung von Seiten Nintendos. Die direkten Programmiercodes müssen denen endlich überlassen werden. Entwickler und Programmierer müssen diesen Firmen zugeteilt werden, um den Spielen die nötige Qualität zu geben - ohne Einfluß auf die "Kinderfreundlichkeit" der Spiele - versteht sich. Keine Angst wegen der Indizierungsgefahr, die Spiele werden auch so, wenn nicht gar gerade deswegen, gekauft.
Jedem Spiel sollte eine Registrierkarte beiliegen, welche dazu dienen sollte, die Vorlieben etc. der betreffenden Käufer zu bestimmen. Eine Gewinnchance erhöht die Bereitschaft diese auszufüllen beträchtlich. Auch sollten diese registrierten Kunden dann über Neuentwicklungen etc. auf dem Laufenden gehalten werden. Es gibt leider auch keine Platinum-Editionen. PILOTWINGS 64 kostet immer noch gut seine 100 DM bis 140 DM - obwohl es eines der ersten Spiele ist. Ein Blick auf die PS-Charts würde es zeigen. Da landet dann der alte Titel TOMB RAIDER I oder C & C I wieder in den Top 10 ! Nebenbei wird dann noch der Wunsch, Teil II auch zu spielen geweckt ! Oder was wäre, wenn man in die Cartridges DEMO-Versionen (vielleicht sogar spielbar ?!) einbauen würde. Die heutigen Module könnten dies vom Platz her schon bewerkstelligen.

All diese Vorschläge sind eigentlich nicht neu. Dennoch werden diese Werkzeuge des Marketings nicht eingesetzt. Hoffentlich hat sich Nintendo nicht mit der momentanen Marktsituation für das N64 zufrieden gegeben. Es wäre zu Lasten von uns allen. Sicher will ich nicht zu schwarz sehen. Auch möchte ich, daß die Kritik auf offene Ohren stößt. Auch wenn ich das Gefühl habe, daß man der Marketingabteilung von Nintendo etwas - sagen wir mal - einen Ruck geben sollte, bin ich überzeugt, daß die Fähigkeiten dieser Konsole auch in Zukunft noch sehr viele Stunden Spielspaß und Spannung bringen kann. Solche Kinderkrankheiten wie verwaschene oder neblige Grafik sollten aber nun bitte endlich auskuriert werden.

Oliver Mühleisen

Magazin64@aol.com